Dissertation Project: Jan Slaby

Gefühl und Weltbezug

Dissertation von Jan Slaby
Eingereicht März 2006
Universität Osnabrück

Zusammenfassung

Das Ziel meiner Untersuchung ist die Erstellung einer philosophischen Strukturskizze der menschlichen Affektivität. Als leitende Annahme fungiert die heute vielfach vertretene These, daß den Gefühlen eine zentrale Rolle für die menschliche Weltorientierung in Erkennen, Entscheiden und Handeln zukommt. Diesem grundlegenden Zusammenhang wird bereits im Ansatz der Arbeit dadurch Rechnung getragen, daß die Affektivität im Kontext einer provisorischen Konzeption der personalen Existenz thematisiert wird. Dabei handelt es sich um ein im Anschluß an Heidegger und Tugendhat entwickeltes anti-cartesianisches und neo-existentialistisches Verständnis von Personalität, für das insbesondere das Handlungsvermögen und das Selbstverständnis von ausgezeichneter Bedeutung sind.

Im Rahmen dieses im Vergleich zu vielen anderen philosophischen Behandlungen der Gefühle deutlich erweiterten Kontexts werden die folgenden Thesen vertreten: Die verschiedenen Arten der Gefühle sind Erscheinungsformen einer grundlegenden Affektivität, die zu nahezu jeder Zeit im Wachleben gesunder Personen in irgendeiner Form auftritt. Das zentrale Merkmal der Affektivität ist die Ermöglichung einer spezifischen Weise eines evaluativen Welt- und Selbstbezugs. Bei affektiven Zuständen handelt es sich also ausnahmslos um intentionale Zustände; allerdings wird dabei ein vom Standardverständnis der Philosophie des Geistes abweichendes Intentionalitätsverständnis in Anschlag gebracht – insbesondere wird eine Engführung auf bewußte mentale Zustände vermieden.

Die zentralen weiteren Eigenschaften der Gefühle sind die hedonische Valenz, die motivationale Wirksamkeit sowie die Passivität. Hedonische Valenz ist der Titel für die „Wertigkeit“ der Gefühle – Gefühle werden als positiv oder negativ empfunden und etablieren kraft dessen eine grundlegende qualitative Dimension in der menschlichen Existenz. Einfach gesagt: zu jeder Zeit geht es einer Person irgendwie – und zwar (im weitesten Sinne) entweder gut oder schlecht. Mit dieser qualitativen Dimension personaler Existenz hängt das zweite zentrale Merkmal affektiver Zustände unmittelbar zusammen: Aufgrund dieses hedonischen Charakters sind Gefühle in ausgezeichneter Weise motivational wirksam – sie können als das „Bewegungsprinzip“ der personalen Existenz betrachtet werden. Die Art der Motivation durch affektive Zustände wird im Anschluß an die Gefühlstheorien von Sabine Döring und Bennett Helm als eine Form rationaler Motivation verstanden – intentionale Gefühle vermögen die Handlungen bzw. Tätigkeiten, zu denen sie die fühlende Person motivieren, auch zu rechtfertigen. Drittens sind Gefühle als Widerfahrnisse einer direkten Steuerung durch die fühlende Person entzogen; die Affektivität ist somit als passive Seite der personalen Existenz dem aktiven Handlungsvermögen entgegengesetzt – zugleich aber auch der Punkt, an dem der Umschlag vom Passiven ins Aktive erfolgt: Gefühle machen einen situationsbezogenen Handlungsdruck qualitativ erlebbar.

Neben der umfassenden Begründung dieser Grundstruktur der menschlichen Affektivität, insbesondere ihres durchgängig intentionalen Charakters, und neben den separaten Thematisierungen der drei Hauptklassen affektiver Zustände (Emotionen, körperliche Empfindungen sowie Stimmungen bzw. Hintergrundgefühle), erfolgt im dritten und vierten Teil der Arbeit die Anbindung der hier entwickelten Konzeption an aktuelle Diskussionskontexte: Zunächst wird der Bezug der Gefühle auf Bedeutsamkeit (Werte bzw. Werteigenschaften) zum Thema, wobei im Anschluß an Überlegungen von McDowell und Wiggins für eine Abkehr von einseitig subjektivistischen und objektivistischen Ansätzen und stattdessen für eine Konstitutionstheorie plädiert wird. Werteigenschaften sind weder vollständig objektiv, also völlig unabhängig von den affektiven Zuständen der sich auf sie beziehenden Subjekte, noch andererseits vollständig subjektiv, also lediglich das Ergebnis einer Projektion in eine ansonsten wertneutrale Wirklichkeit. Stattdessen sind objektive Eigenschaften und subjektive Auffassungsweisen (u. a. affektive Zustände) gleichermaßen am Zustandekommen evaluativer Eigenschaften beteiligt. Vor diesem Hintergrund wird anschließend das Programm des gefühlstheoretischen Kognitivismus evaluiert, wobei an der Grundidee der kognitiven Theorie festgehalten wird – Gefühle können unter gewissen Umständen als korrekte oder inkorrekte Auffassungen von Werteigenschaften verstanden werden –, zugleich aber die starke Urteilstheorie der Emotionen (Solomon, Nussbaum) begründet abgelehnt wird. Ebenfalls im Anschluß an McDowell wird alsdann demonstriert, inwiefern Gefühle als begrifflich verfaßte Erfahrungen verstanden werden können und müssen: Zwar handelt es sich bei Gefühlen nicht um kognitive Zustände im engeren Sinne, doch gleichwohl um Zustände mit einem begrifflichen Gehalt, kraft dessen Gefühle in rationale Beziehungen eintreten können. Das erklärt auch die inhaltliche Beeinflußbarkeit eines Gefühlsrepertoires durch Gedanken, Kommunikation und Lektüre, sowie die sehr engen Verbindungen zwischen Gefühlen und (rationalen) Verstehensleistungen.

Die Begrifflichkeitsthese leitet schließlich über zur Thematik der Phänomenalität des Gefühlserlebens, die im Schlußteil der Arbeit behandelt wird. Die qualitative Natur des Affektiven („wie es sich anfühlt…“) wird in expliziter Abkehr von Mehr-Komponenten-Theorien als mit der Intentionalität der Gefühle untrennbar verschränkt konzipiert. Gefühle sind nicht zusammengesetzt aus potentiell trennbaren phänomenalen und intentionalen Bestandteilen, sondern essentiell einheitliche Erfahrungen. Hier liegt eine signifikante Parallele zur Gefühlstheorie der „Neuen Phänomenologie“ (Hermann Schmitz und andere), die im Schlußkapitel anhand einer Betrachtung des „leiblichen Spürens“ explizit gemacht wird. Deutlich wird dabei die Relevanz des gespürten Körpers für den Weltbezug der Gefühle.

In methodologischer Hinsicht handelt es sich bei der Untersuchung um eine Kombination von Phänomenologie und begriffsanalytischer Philosophie des Geistes (bzw. des Personseins). In der Einleitung wird begründet, warum es sich bei diesen Herangehensweisen nicht um einander ausschließende Alternativen, sondern um notwendig zu verbindende Vorgehensweisen handelt. An gleicher Stelle wird das Verhältnis des bei erwachsenen, gesunden Personen ansetzenden Verfahrens (top-down-Perspektive) zu den naturwissenschaftlich informierten bottom-up-Ansätzen thematisiert, wobei die heute vielfach vertretene strikte Opposition von naturalistischen und humanistischen (bzw. normativistischen) Ansätzen abgelehnt wird.


Feeling and World-Directedness

Dissertation of Jan Slaby
Submitted March 2006
University of Osnabrück

Summary

The goal of my study is the development of a structural sketch of human affectivity. The leading assumption is the thesis that feelings play a central role for the orientation towards the world, decision making and action of human beings. This assumption will be worked into the very foundations of a treatment of affectivity, so that the study will be conducted within the context of a preliminary conception of personal existence. The first part of the study aims at developing a sketch of a roughly ‘Heideggerian’, anti-cartesian and neo-existentialist understanding of personhood, whose basic ingredients are agency and self-understanding. This provides a much broader setting than is usually employed in philosophical and scientific work on emotions and feelings.

These are the main theses that will be defended: The various kinds of human feelings should all be seen as manifestations of a basic affectivity, which is present at almost every time during the waking life of healthy adult humans. The central feature of affectivity is its role in a specific form of world- and self-directedness. All affective states are intentional states, most of the time directed simultaneously at significant goings-on in the world and at the current state of the person’s own existence (often mistakenly called the “self”). However, the conception of intentionality that is brought to bear here diverges significantly from common treatments of this topic in the philosophy of mind, particularly by being not restricted to conscious mental states in a narrow sense of the term.

The other central features of affective states through which they are distinguished from non-affective intentional states are hedonic valence, motivation and passivity. ‘Hedonic valence’ is meant to capture the fact that affective states feel either good or bad. Thereby, affectivity provides a qualitative dimension that plays a crucial role for the existence of a person. The second of the mentioned features is directly connected to the felt valence: Affective states motivate intentional actions and activities. This feature is so basic that it warrants calling affectivity the “moving force” of personal existence. Following recent work by Sabine Döring and Bennett Helm, affective motivation will be treated as a form of rational motivation – intentional feelings are capable of rationally justifying the very actions and activities that they motivate. The third central feature of affective states is their passivity – feelings are what happens to us, not something we make happen. Affectivity is the passive aspect of personal existence – the way a person “finds herself” in significant circumstances – as opposed to the active aspect marked by the capacity for intentional action. At the same time, however, affectivity is where the passive switches over to the active: what feelings make passively manifest is a felt pressure to act. This basic structure of affectivity and its intentional directedness towards world and “self” will be explicated and defended as well as applied to characterizations of the three main classes of affective states (emotions, bodily sensations, and moods).

In parts three and four, the present account will be related to some ongoing philosophical debates: First, the relation of feelings to significance is extensively treated. Following McDowell, Wiggins and others, I opt for a middle path between subjectivism and objectivism and treat evaluative properties as the result of a process of constitution. Against this background I’ll assess the claims of emotional cognitivism and conclude that the basic idea of cognitivism survives criticism, however not in the strong form of an identification of emotions with value judgments (as advocated by Solomon and Nussbaum). Also following McDowell, I’ll then show that and how feelings have to be viewed as conceptually structured experiences. Although feelings are not cognitive states in a narrow sense of the term, their contents are conceptual, and by virtue of this fact they can enter into rational relations and are open to various rational influences, e.g. through the interaction with others or the appreciation of literature.

This in turn provides the basis for a treatment of the phenomenal aspects of affectivity. I’ll argue against the possibility of a separation of intentional and phenomenal aspects of feelings – it’s the very directedness at significant circumstances that we also refer to when we talk about the qualitative character of affective experiences. In the final chapter, I’ll use this result in an attempt to connect the present account to the program of “new phenomenology” developed by the German philosopher Hermann Schmitz. This provides a much enriched understanding of the bodily nature of affectivity and shows that the felt body plays an important role in the world-directedness of human feelings.


Publications associated with the PhD-project:

  • Slaby, J. (2003), "Sklaven der Leidenschaft? Überlegungen zu den Affektlehren von Kant und Hume", in: A. Stephan & H. Walter (Hg.) Natur und Theorie der Emotion. Paderborn: Mentis, S. 287-308.
  • Slaby, J. (2004a), "Nicht-reduktiver Kognitivismus als Theorie der Emotionen", in: Handlung, Interpretation, Kultur. Zeitschrift für Sozial- und Kulturwissenschaften 13, 50-85.
  • Slaby, J. (2004b), "Emotionaler Inhalt", in: Ausgewählte Beiträge zu den Sektionen der GAP 5, 5. internationaler Kongreß der Gesellschaft für Analytische Philosophie, Bielefeld, 22.-26. September 2003, Paderborn: Mentis, 460-469.

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